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[ox] Re: ‹bergang in die GPL-Gesellschaft



Hi Beni!

2 weeks (16 days) ago Benedikt Huber wrote:
Ich weiss nicht ob das hier schon in aller Breite dikutiert wurde
aber ein ganz wichtiger Punkt der ganzen GPL Debatte ist doch der
folgende:

Ich find's gut, daß du das nochmal in aller Deutlichkeit
hingeschrieben hast.

Eine Fußnote:

Wir stehen an der Schwelle von der Industrie zur Wissensgesellschaft.

Ich mag das Wort Wissensgesellschaft nicht. Wissen ist etwas, was in
den Köpfen von Leuten genutzt wird. Meine SuSE 6.3 ist aber kein
Wissen in diesem Sinne - wohl aber Information. Wahrscheinlich gibt es
niemenschen weltweit, der SuSE 6.3 "weiß".

Information ist - im Gegensatz zu bloßen Daten - "when it makes a
difference". Das gilt für meine SuSE 6.3 in Verbindung mit meinem
Rechner.

Für den CD-Player meiner Hifi-Anlage sind dagegen die Bytes einer
SuSE-CD eben nur Daten - die sie besser nicht interpretiert...

Langer Rede kurzer Sinn: Ich würde für Informationsgesellschaft
plädieren, wenn dieser Aspekt hervorgehoben werden soll.

Der Kapitalismus kann sich nur erhalten, wenn er es schafft, auch
aus der Verwendung von Informationen Mehrwert zu schöpfen - d.h.
der Umgang mit Informationen, mit Software aller Art, mit DNA-Code,
Büchern, Musik u.s.w. muss unter allen Umständen lizenzpflichtig
bleiben bzw. werden.

Das will ich nochmal ganz langsam durchdenken.

Nehmen wir an, daß der Mehrwert schon in der Produktion der
Information drin steckt. Mehrwert jetzt mal klassisch als den Teil des
Wertes einer Ware, der die Kosten ihrer Erzeugung übersteigt (uh,
hoffentlich habe ich das jetzt richtig...).

Dann hat der Kapitalismus seit der Erfindung der digitalen und damit
verlustfreien Kopierbarkeit und deren breiten Verfügbarkeit in Form
von Computern in jedem Haushalt ein Problem nicht bei der Produktion
des Mehrwerts sondern bei seiner Realisierung auf dem Markt. Das
Phänomen heißt dann Raubkopieren und dagegen wehren sich die
KapitalistInnen mit den o.g. Modellen.

Schafft er das nicht, dann wird er zwar nicht gleich ganz verschwinden
aber er wird schrumpfen und sich auf den Teil der Ökonomie zurück
ziehen müssen wo Kapital noch in der Form von Hardware, Maschinen,
Immobilien usw. festgelegt ist.

*----------------------------------------------------------------------*
|  Es ist also NICHT unbedingt nötig das GPL Prinzip auf Hardware oder |
|  andere knappe Ressourcen zu übertragen um eine GANZ ENTSCHEIDENDE   |
|  gesellschaftliche und politische Veränderung herbeizuführen!        |
*----------------------------------------------------------------------*

Das würde ich ähnlich sehen. Tatsächlich sind ja die realexistierenden
Freien Projekte, deren Thema materielle Produkte sind, - ganz
pragmatisch - an deren Konstruktionsgrundlagen tätig und nicht an
Freien Produkten im engeren Sinne.

Ich denke, daß das ein entscheidender Zwischenschritt in die
GPL-Gesellschaft ist: Die Konstruktionsunterlagen, Pläne,
Dokumentation, Schnittstellen eines Produkts sind Frei, die
konkrete Herstellung findet aber noch in kapitalistischen Bahnen statt
und muß konventionell bezahlt werden. Das ist dann so ähnlich, wie die
CDs einer Gnu/Linux-Distribution, die du auch kaufen kannst - nur daß
du das Freie OSCar eben nicht auch aus dem Internet ziehen kannst.

Daher auch die aktuellen Debatten um Softwarepatente etc. und der
massive Druck der USA auf Unterwerfung unter ihr Urheberrecht.
Die wissen um was es geht.

Ob sie das aus Notwendigkeit oder aus reiner Gier tun, würde ich ich
für eine offene Frage halten. Ich bin nicht sicher, daß die das
wirklich bewußt machen - zumindest nicht aus den hier diskutierten
Gründen.

Hier und heute entscheidet sich, in welcher Welt wir morgen leben
werden.

Ja, ich denke wir leben in einer *sehr spannenden* Epoche!

Sicher ist es wichtig und gut, die Privatisierung der geistigen
und kulturellen Welt durch technische Tricks zu blockieren und
zu verlangsamen.

Aber wie schafft man es, die Idee, dass Information frei sein muss
in die Köpfe einer breiteren Öffentlichkeit reinzukriegen?

Ich denke, daß Gnu/Linux alleine durch seine Existenz schon eine
Überzeugungsarbeit leistet, die per Missionierung gar nicht zu machen
ist. Das konkrete Beispiel ist eben - wie kürzlich bemerkt - viel
überzeugender als jedes Gelaber.


						Mit li(e)bertären Grüßen

						Stefan


----------------------
http://www.oekonux.de/



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